Samstag, 30. September 2017

In heaven No. 259 - Watzmania

Die Wahl ist vorbei. Zum ersten Mal seit 72 Jahren sitzt demnächst wieder eine rechtsradikale Partei im Bundestag. Und nicht nur das, sie sitzt dort auch noch als drittstärkste Fraktion. Das Grauen und Entsetzen darüber ist inzwischen einem heftigen Kater gewichen. Ernüchterung. Wer jemals seine Großeltern gefragt hat, wie das damals passieren konnte mit dem Nationalsozialismus und Hitler, der weiß jetzt Bescheid. 1930 erreichte die NSDAP bei den Reichstagswahlen 18,3%, 1933 waren es dann 43,9%. Es herrschte eine schwere Weltwirtschaftskrise, 20% aller Deutschen waren arbeitslos, die Wohlfahrtsunterstützung lag weit unter dem Existenzminimum und die Kriminalitätsrate stieg rapide an. Heute ist Deutschland eines der reichsten Länder der Erde mit einer Arbeitslosenquote von 5,5%. Die sozialen Sicherungssysteme garantieren jedem ein Existenzminimum und die Kriminalitätsrate ist seit 1993 mit leichten Schwankungen stabil. Gefühlt scheinen die Verhältnisse in Deutschland für viele jedoch grauenvoll schlimm zu sein und denen von 1930 zu gleichen. 

Woran liegt das? Wo sich Medien früher auf die Berichterstattung beschränkt haben, geht es heute primär darum, möglichst viele Leser zu generieren. Jeder Click ist Geld wert für die Kooperation mit begehrten Werbepartnern. Die meisten Klicks bekommt das Medium, das möglichst viele, möglichst schlimme Aufreger im möglichst schnellsten Takt präsentiert. Selektive Nachrichten, ausgewählt nach dem Kriterium des größtmöglichen Aufregers, des Bedienens von Ängsten, Klischees und Vorurteilen, gegeignet, den Volkszorn möglichst maximal anzuheizen und zu möglichst viel Interaktion zu verleiten.

Je wütender die Menschen werden, desto mehr klingelt die Kasse. Berichte über all das, was in unserem Land klappt, über erlassene Gesetze, die der Verbesserung der Lebenssituation der Bürger dienen, über Probleme, die gelöst wurden, über Innovationen, über gelungene Integration, über all die positiven Dinge, die in Deutschland passieren, die sucht man oft vergebens. Nicht, weil es diese Dinge nicht gäbe, sondern weil all diese Tatsachen nicht geeignet sind, Empörung zu generieren, die Klickraten zu erhöhen und die Kassen klingeln zu lassen.

Warum wurde in den letzten 27 Jahren zum Beispiel kaum darüber berichtet, was im Osten seit der Wiedervereinigung alles erreicht wurde? Welche strukturellen Verbesserungen erzielt wurden, was es dort Tolles zu sehen gibt, wo investiert und saniert wurde, so es sich lohnt hinzureisen? Warum waren die Menschen, ihre Ideen, ihre Leistungen, ihr Unternehmergeist und ihre verbesserte Lebenssituation so wenig präsent? Warum wurde so wenig über die positiven Aspekte der Wiedervereinigung berichtet und warum so wenig darüber, wie man die Annäherung von Ost und West fördern kann? 

Wer immer nur über Spaltendes, Probleme und Kriminalität berichtet, der schürt absichtlich und bewusst Spaltung und Probleme, weil er diese Bilder im Bewusstsein der Menschen verankert. Die Bilder vom zu belächelnden Ossi und dem arroganten Wessi sind heute noch fest in den Köpfen verankert, sowohl hier als auch da. Vergangenes wird romantisiert, wo man sich im Gegenwärtigem und seinen komplexen Herausforderungen nicht zurechtfindet und überfordert fühlt vom ungewissen Zukünftigen. Was eine Sozialisierung in der DDR bedeutet hat, welche menschlichen Eigenschaften sie gefordert und gefördert und welche sie bestraft hat und wie das über die Familientradierung auch heute immer noch nachwirkt, wurde schlicht nicht berücksichtigt. 

Deutsche und Deutsche sind nach Jahrzehnten der Trennung in unterschiedliche politische und gesellschaftliche Ideologien eben nicht einfach wieder homogen zusammenzufügen, ohne dass es menschlich und im gesellschaftlichen System knirscht. Dass es auch hier Integrationsarbeit bedurft hätte, oder viel eher noch, der Definition neuer, gemeinsamer Ziele für den zukünftig wieder gemeinsamen Weg, menschlich gleichberechtigt - das wurde schlicht unterschätzt... oder bewusst ignoriert. Neue Straßen, sanierte Häuser und flächendeckend Discounter reichen dafür eben einfach nicht aus.

Da kommt eine Partei genau Recht, die jenen, die sich - unabhängig von messbaren Fakten - belächelt, ausgeschlossen und abgehängt fühlen, deren Selbstwertgefühl schwer beschädigt ist, das Konzept des "Ich bin wertvoller als andere, weil ich Deutscher bin" anbietet, dazu mit dem politischen Establishment und den Flüchtlingen Schuldige präsentiert, die einfache Lösungen und das "Zurück" verspricht. Wohin genau ist unklar, jedoch vor allem zurück zum langjährig Gewohnten, in die vermeintliche Sicherheit übersichtlicher Verhältnisse, in völkische Geborgenheit... bei Ablehnung aller Verantwortung für die Herausforderungen einer neuen, globalisierten Welt.
Dass es dieses Zurück definitiv nicht geben wird, es keine Konzepte für die wirklichen Probleme gibt und das Programm der Partei nur den Reichen und nicht den Abgehängten nutzen wird, wird da zur Nebensache. Demokratische Werte, Humanismus und Fortschritt werden leichtfertig gegen das leere Versprechen eingetauscht, man hole sich das Land zurück.

Wären die Folgen nicht so unglaublich bitter für unser Land, man könnte direkt darüber lachen und daraus ein Lehrstück darüber machen, wie leicht Menschen manipulierbar sind... wieder... und wieder... und wieder. Sobald die Generationen, die den letzten Akt er- und überlebt haben und davon berichten können, nicht mehr hier sind, beginnt diese ganze Kacke von Neuem. Als wäre die Menschheit nicht lernfähig und nicht in der Lage sich weiterzuentwickeln. Mich frustriert das zutiefst. 

Ich wünsche mir ein Aufeinanderzugehen der Menschen. Ein Wertschätzen der Gemeinsamkeiten, Fortschritte und Besonderheiten statt einem Abwerten, Heraustellen der Unterschiede und Beschwören von Problemen. Ein Zuhören, ein miteinander Sprechen statt Anklagen und Anhassen. Ein Gemeinsam statt Gegegeneinander. Ich wünsche mir ein Ende der Schuldzuweisungen und ein Erkennen der Eigenverantwortung. Ich wünsche mir ein gemeinsamen Anpacken und Lösen von Problemen und ein gemeinsames Feiern der schönen Dinge des Lebens, die uns verbinden, statt trennen. So wie der Himmel.

Neun Tage Watzmann. Neun Himmel.

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Für mich ist "blauer Himmel" nur die Minimalversion gegenüber der beeindruckenden und faszinierenden Dramatik, zu der unser Himmel in Verbindung mit Sonne, Mond und Wolken fähig ist. Deshalb zeige ich hier nach einer längeren Pause jetzt wieder jeden Samstag eines oder auch mehrere Himmelsbilder, die ich die Woche über (oder auch bereits vor einiger Zeit) eingefangen habe. Manchmal sind es nur die Bilder, manchmal aber auch Gedanken, die mich die Woche über beschäftigt haben - so wie heute.
Wer mitmachen möchte ist herzlich eingeladen, seinen Himmel und den entsprechenden Post hier zu verlinken.
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Kommentare:

  1. Danke für Deine differenzierten Betrachtungen der Lage und Deine wunderschönen Watzmann-Bilder! Herzlich, Eli

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  2. Hallo Katja,
    vor einem Jahr bin ich zur Reha in Schönau gewesen, habe u. a. das Watzmannhaus bestiegen, danke Dir für die wundervollen Fotos.
    Das Wahlergebnis schockiert mich immer noch,
    herzlich Margot

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  3. Du sprichst mir aus der Seele. Danke.

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  4. Liebe Katja, ich wünsche mir, dass dieser "Sturm" ebenso zusammenfällt wie derjenige, den ich in Sydney erlebt habe, sobald die Luft etwas abgekühlt und etwas ausgeregnet ist, und dass schon bald wieder eine ruhige, friedliche Stimmung herrscht. Liebe Grüsse, Miuh

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    1. Das glaube ich leider nicht. Die Unzufriedenheit, die geschickt von Medien und einer Partei genutzt wurde, die wird ja leider nicht einfach so verschwinden.
      Wenn es Gegenden in Sachsen gibt, in denen fast die Hälfte der Bevölkerung völkischen, teilweise offen rechtsradikalen Ideen anhängt, wie in Görlitz oder Bautzen mit knapp unter 50% für diese Partei und die noch schlimmere, dann sitzt dort die Ablehnung unserer freiheitlich demokratischen Grundordnung und des Fortschritts so tief, dass sich das nicht einfach in Luft auflöst. Ich mache mir große Sorgen, ob die Versäumnisse, die dort in den letzten 27 Jahren, auch in der Bildungspolitik, gemacht wurden, wiedre einzuholen sind.

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    2. Das hat etwas... Sorgen mache ich mir da auch - und unfassbar sind viele der Vorgänge und Gedankengänge solcher Leute für mich. Dennoch stimmen viele positive, soziale, aufklärende, zusammenstehende, aufklärende Wortmeldungen mich jetzt auch positiv. Und so denke ich auch: wir geben nicht auf, wir sind die Mehrheit, Anstand und Menschlichkeit werden siegen - ohne blauäugig zu sein: ich gebe das positiv denken bewusst nicht auf. Liebe Grüsse, Miuh

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  5. ja.

    das mit der werbung, dem geld, der skandalsucht ... hast du gut auf den punkt gebracht. mir fehlen da ja irgendwann die worte, wenn ich es ausdrücken möchte.
    ich lebe ja nun schon lange im osten. und ja, es gibt nach wie vor große klüfte! und ja, es gibt auch viel positives über das man berichten könnte. erst gestern hat mir mein mann recht lebhaft beschrieben, wie man zu ostzeiten auf den donnerbalken stieg.

    dein himmel ist ganz besonders fein! ich habe noch eine serie von der ostsee, die würde thematisch sehr dazu passen. muss ich mal zusammensuchen :)

    liebe grüße zum wochenende . wünscht . die tabea

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    1. Den Watzmann hätt ich gern als Monatsblick, das würde sich lohnen - aber leider hab ich den ja nicht das ganze Jahr vor der Nase. ;-)

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  6. Wieder treffend auf den Punkt gebracht, Katja! Dankeschön dafür. Ich freue mich sehr, dass Du wieder am Start bist. Drücker, Nicole

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  7. Wie schön, dass Du uns wieder Himmelsblicke eröffnest. Die habe ich sehr vermisst. Tja, wenn man sich mal die Mühe macht, sich zu den Gipfeln (der Berge oder des Geistes) zu begeben, der wird mit Weitsicht belohnt.
    Mit der Integration haben wir uns in Deutschland ja schon immer schwer getan, ob es Vertriebene, Heimkehrer, Flüchtlinge oder Von-Mauern-Getrennte sind und waren.
    Liebe Grüße
    Andrea

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  8. Wahnsinns Foto, Wahnsinns Text. Und auch sonst Wahnsinn... wohin man blickt. Über die Unzufriedenheit weils nicht so is wie man es sich wünscht, vergessen sie all die längst erfüllten Wünsche und gegönnt wird auch schon mal grad gar nicht mehr.
    Die Frustration über die Entscheidung des Volkes fühle ich auch und hoffe ich kann sie bald ersetzen durch Tatendrang in Sachen Aufklärung. Denn ebenso wie du, mache ich mir ernsthaft Sorgen über die Zukunft. L:g Alex

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  9. Ja, Du hast genau recht. Die Hysterisierung und Skandalisierung in den Medien ist unerträglich. Und hat mindestens ebensoviel Anteil an der ganzen "Kacke" wie die Brandstifter selbst.
    Und die Watzmannbilder sind klasse!!
    Lieben Lisagruß!

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  10. Liebe Katja,
    schön geschrieben, warum kommt die AfD so stark??

    Die meisten Wähler waren Protestwähler und wenn ich das Ergebnis sehe, das z.B. hier bei uns in unserer Gemeinde für die AfD abgegeben wurde, dann kann ich nur den Kopf schütteln.

    1.000 Stimmen bei 14.000 Einwohner, das sollte einem doch zu denken geben.

    Ob das hier soviele Protestwähler waren glaube ich nicht, denn wir haben hier sehr viele sehr "Rechte", die dann herauskommen, wenn man es nicht sieht.

    Schade, die SPD hatte ein gutes Wahlprogramm und eine gute Oppostion ist auch wichtig, gerade um der AfD "das Handwerk zu legen".

    Ich bin gespannt auf die Diskussion im Bundestag und glaube, dass das recht erheiternd werden wird. :-))))))!!!

    Lieben Gruß Eva, die deine Watzmannbilder auch sehr schön findet, ich möchte da auch mal hin.

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Schön, dass Du hier bist. Ich freue mich über deine Worte!