Dienstag, 3. Oktober 2017

Septembertisch - die stachelige Einheit

Am 3. Oktober 1990 trat die DDR mit der Zustimmung des russischen Präsidenten Präsident Michael Gorbatschow der Bundesrepublik Deutschland bei und hörte damit auf, als eigener Staat zu existieren. Bundespräsident Richard von Weizäcker verkündete an diesem Tag die Vollendung der Einheit Deutschlands. Millionen Menschen feierten enthusiastisch die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten und gleichzeitig das Ende des kalten Krieges. Viele tausend Deutsche aus Ost und West machten alleine in Berlin Party am Brandenburger Tor und lagen sich erleichtert in den Armen. Der 3. Oktober wurde zum bundesweiten Nationalfeiertag erklärt und die Menschen waren glücklich, voller Hoffnung und Zuversicht.



Und wie steht es um das Gefühl der Einheit aller Deutschen im Jahr 2017?
Neun Tage nach der Bundestagswahl erscheint die Vollendendung der deutschen Einheit gefühlt weiter entfernt als im Oktober 1990, als man dachte, sie mit Händen greifen zu können. Der Wahl- und aufgrund der Wahlergebnisse auch Wiedervereinigungskater sitzt hartnäckig hinter der Stirn vieler Deutscher, hier wie da, aus unterschiedlichen Gründen. Die einen blicken immer noch überheblich auf die ihrer Meinung nach in mehrfacher Hinsicht minderbemittelten, jammernden Ossis, die ihren Soli verprassen, sich die Vergangenheit zurückwünschen und zunehmend in rechtsradikale Ideologien abrutschen und die anderen auf die ihrer Meinung nach rücksichtslosen, arroganten Wessis, die auf sie herabschauen, sie abgezockt haben und sich einen Scheiß für ihre Probleme und Sorgen interessieren. Überlegenheitsgefühle treffen auf das Gefühl des Ewig-zu-kurz-Kommens.


Januar 1990, Berliner Mauer am Brandenburger Tor.


Und wer hat jetzt Recht mit seinen Vorwürfen?
Beide und keiner. Im Januar 1990 war ich zum ersten Mal in Berlin und in der ehemaligen DDR. Die Mauerspechte höhlten in Berlin den Beton aus, die NVA schaute gelassen zu. Die Menschen gingen aufeinander zu, reichten sich durch die geschlagenen Löcher lachend die Hände. Die Städte, die ich damals besucht habe - Ostberlin, Potsdam, Babelsberg, Dresden, Leipzig, Moritzburg, Meissen befanden sich in schlimmem baulichem Zustand, ebenso die Straßen. Die Geschäfte waren leer, im Restaurant gab es eine minimale Auswahl und in Potsdam verkaufte einen Omi an der Straßenecke Pornomagazine gegen Westmark. Die Menschen aber waren aufgeschlossen und freundlich. Im Oktober des gleichen Jahres wurde aus zwei deutschen Staaten einer. 

In den folgenden Jahren fuhr ich immer wieder durch die neuen Bundesländer, arbeitet dort an an einem großen Projekt und machte an den unterschiedlichsten Orten Urlaub. Sächsische Schweiz, Thüringer Wald, Wismar, Rostock, Warnemünde und immer wieder auch Rügen. Ich besuchte 20 Jahre nach der Wiedervereinigung die gleiche Städte wieder, die ich im Januar 1990 besucht hatte, im Febuar des vorigen Jahren dann nochmal, dazu Jena, Erfurt, Gera, Chemnitz - und ich erkannte sie nicht wieder. Sie erstrahlen in neuem Glanz, neue Straßen erschliessen jeden Winkel, es gibt ganz viele Cafés und Restaurants, verschiedenste Geschäfte, Märkte und Dienstleistungsbetriebe, Hotels, Infrastruktur und sanierte Wohnhäuser. Wunderbare Städte voller Geschichte und wunderschöne Landschaften, um dort Urlaub zu machen. 

Ich glaube nicht wirklich im esoterischen Sinn an die selbsterfüllende Prophezeiung. Aber ich bin überzeugt davon, dass man die Blickrichtung, die Offenheit für viele Dinge und die Frage, wie man sie bewertet, sehr stark mental beeinflussen kann. Das kann man selbst tun, aber man wird auch unbewusst beeinflusst durch die Medien, die man konsumiert, durch die Berichte, die man liest und durch die Haltung der Menschen, mit denen man sich umgibt. Wer immer nur über Negatives hört, sieht und liest, der bewertet die gleiche Situation sehr viel negativer als jemand, der sich Berichte über die positiven Dinge ansieht, die passieren und der von positiv und wohlwollend eingestellten Menschen umgeben ist. Wer unvoreingenommen und neugierig auf Unbekanntes zugeht, der nimmt es positiver wahr als jemand, der ihm voller Angst, Vorurteile und Misstrauen begegnet. 

Ich erinnere mich so gerne an einen Roadtrip auf Rügen, den ich im September 2000 gemacht habe. Einmal quer durch Deutschland, über Berlin und Hamburg nach Stralsund, von dort aus einmal rund um Rügen und dann kreuz und quer über die Insel. Ich machte das Schiebedach auf, schob meine Lieblingsmusik ins alte Becker und machte überall dort halt, wo es etwas Interessantes zu sehen gab. Mit meinen alten Benz fuhr ich bis zum Strand, sammelte klickernde Feuersteine, lief kilometerlang an einsamen Stränden entlang, besichtigte Burgen und Museen, stromerte durch riesige, orange leuchtende Buchenwälder und unterhielt mich mit netten Menschen, die meinen Weg kreuzten. Geblieben ist mir die Erinnerung an zwei unvergessliche Wochen, die schwarze Acht und die Überzeugung, dass eine Einheit Deutschlands möglich und eine tolle Sache ist. 



Esskastanien & Rosskastanien

Dieser Tage habe ich die Erinnerungen hervorgeholt - die an das Gefühl im Januar 1990, die an viele positive, respektvolle und interessante Begegnungen im September 2000 und auch die an die Zweifel im Februar 2016 in Wismar, als mir zum ersten Mal im Osten Feindseligkeit entgegenschlug, einfach nur, weil ich aus den alten Bundesländern kam.
Ich wünsche mir den Optimismus, die bedingungslose Offenheit, das gegenseitige Interesse und die Unvoreingenommenheit zurück, mit der man sich vor 20 Jahren begegnet ist. Einen Reset-Knopf hab ich mir die letzten Tage öfter gewünscht, aber den gibt es natürlich nicht. Trotzdem bin ich mir sicher, dass eine Einheit Deutschlands möglich ist, wenn Unterschiede in Löhnen und Renten endlich beseitigt werden, wieder viel mehr Augenmerk darauf gelegt wird, was uns Menschen alles verbindet, als auf das, was uns trennt und wenn wir es schaffen, dem anderen mit Unvoreingenommenheit und ehrlichem interesse zu begegnen und ihm ernsthaft zuzuhören.
Vielleicht haben viele einfach nur vergessen, wie das geht. Der Tag der deutschen Einheit wäre eine gute Gelegenheit, sich wieder daran zu erinnern.

Monatstische 2017

Januar . Februar . März
April . Mai . September
Juni, Juli und August mussten leider ausfallen.
 


Meine anderen Monatstische findet ihr alle  > hier.
Verlinkt mit: 12tel-Blick bei Tabea


Hinweis:
Sollte sich jemand als NVA-Soldat in Berlin 1990 auf den Fotos wiedererkennen und etwas gegen die redaktionelle Veröffentlichung einzuwenden haben, so bitte ich um Benachrichtigung - das Foto wird dann selbstverständlich umgehend entfernt.

Kommentare:

  1. Du hast aber nicht vor, in die Politik zu gehen... oder doch ;)
    liebe Grüße & einen schönen Feiertag...

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    1. Wer weiß schon, was das Leben noch bringt. Prioritäten verschieben sich mit dem Älterwerden...

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  2. So schön geschrieben, vielen Dank 😀

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  3. So schön geschrieben, vielen Dank 😀

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  4. Interessant, wie du dich auf das für dich Neue eingelassen hast, wie du auch später wieder beobachtet hast. Miteinander ins Gespräch kommen, sich zuhören und sich ernst nehmen - gegenseitig -, das könnte hilfreich sein. Schönen Feiertag ! Liebe Grüße, Sabine

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  5. Du hast absolut Recht. Sich in Augenhöhe und mit Respekt begegnen, nur so kann Einheit und Verständigung gelingen.
    Danke fürs Mitnehmen und Gedankenteilen.
    Gruß zu dir
    heiDE

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  6. Du hast wie immer genau beobachtet und fein zerdacht und ins Wort gebracht.Diese Gemeinsamkeiten 😀🤔 wir hatten auch mal einen weißen Benz mit schwartem Dach, Strich 8-Coupe, den Luden😂 Hach. Deiner ist allerdings der Perfekte, liebe Grüße auch vom Kerl.🙋😊

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  7. Eigentlich wollte ich schreiben "so schön geschrieben" - jetzt steht das schon wenige Zeilen oberhalb. Es ist ja einfach gesagt/geschrieben und trotzdem: Menschen wie dich bräuchte die Politik tatsächlich. Herzliche Herbstgrüsse, Sibylle

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  8. Nur zu, Katja! Meine Stimme hättest Du!! Herzlichst, Nicole

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  9. wie wunderbar ost- und westmenschen - in diesen falle frauen - sich begegnen können, habe ich gerade bei einem bloggerinnentreffen in dresden erfahren dürfen.
    ich hoffe ja immer noch, dass es bei den jüngeren menschen offener zugeht. meine tochter hat in dänemark mit einigen anderen aus den alten und neuen bundesländern zusammen studiert und da gab es überhaupt keine probleme und auch (fast) keine unterschiede mehr. sie haben den 3. oktober als ihren persönlichen "miteindandertag" gefeiert und sind auch jetzt noch jahre nach dem studium eng befreundet.
    danke für deinen positiv gestimmten artikel - ich habe diese wünsche auch noch lange nicht aufgegeben.
    liebe grüße
    mano

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  10. Liebe Katja,
    das hast du wieder toll geschrieben.
    Erstaunt hat mich, dass dir Feindseligkeit entgegenschlug,
    weil du aus den alten Bundesländern kommst.
    Das habe ich zum Glück noch nicht gespürt.
    Ich lebe hier scheinbar in einer heilen Seifenblase.
    Ich hoffe, sie platzt nicht irgendwann ...
    Deinen Wünschen schließe ich mich auf jeden Fall an,
    denn ein positives Miteinander ist auf jeder Ebene und allen Situationen erstrebenswert.
    Ganz liebe Grüße
    Melanie

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  11. was für ein monats-tisch! so nah habe ich die wende nicht miterlebt. 6 jahre danach bin ich in den osten gezogen. auf meinen fotos (wenige, damals machte man ja noch nicht so viele fotos ... oder ich ;o) sieht man deutlich, wie nah das noch an der ddr-zeit lag. an den autos und häusern vor allem.

    liebe grüße . tabea

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Schön, dass Du hier bist. Ich freue mich über deine Worte!